Yusuké Y. Offhause

Offhause Museum (exhibition # 1)
2019
Bois, plexiglas, polystyrène, papier, LED,
After Ecstasy, « At least we still have the
Venice Bianale » et After Ecstasy (Jet Lefuel)
de Mathias Pfund, Epulchez d’Aline Morvan
92 × 180 × 132 cm

14 Juni 2019, Irène Unholz

Wie wird unsere Wahrnehmung durch Gedächtnisbilder beeinflusst, und auf welche Weise bringt unsere Erinnerung selbst neue Formen hervor, die sich künstlerisch produktiv machen lassen? Yusuké Y. Offhause (*1985) untersucht diese Fragestellung seit 2012 fortlaufend in einer Serie von dreidimensionalen Objekten, die uns auf unheimliche Weise bekannt vorkommen. Architektonische Ikonen wie der Mailänder Dom, das Musée du Quai Branly, das europäische Parlament oder das Za-Koenji Theater in Tokyo werden vom französisch-japanischen Künstler aus der Erinnerung in unterschiedlichen Materialien, etwa aus weisser Tonerde, geschmolzenem Aluminium, bemaltem Ton oder Wachs im Miniaturformat nachgebildet und erweisen sich dabei als unterschiedlich leicht identifizierbar. Durch die Lückenhaftigkeit des Erinnerungsvermögens entstehen mal grössere, mal kleinere Abweichungen von den vertrauten Konturen der beliebten Postkartenmotive, auf deren A5-Format die Grundfläche der neu entstehenden Miniaturmonumente noch verweist. Die jüngste dieser dreidimensionalen Gedächtnisskizzen basiert auf der Pariser Kathedrale Notre Dame und lässt beispielhaft erfahrbar werden, wie sich Erinnerungsbilder auch in der Wahrnehmung des künstlerisch nachgebildeten Monuments überlagern: Ohne vom Künstler intendiert zu sein, erscheint der Dachreiter der aus hellem Ton gefertigten Miniaturikone in Erinnerung an die in den Medien zirkulierenden Bilder der brennenden Kathedrale plötzlich als eine langgezogene Flamme.

D’après ma mémoire, Duomo di Milan, 2012, Keramik, 12 x 10,9 x 11 cm

D’après ma mémoire, Musée du Quai Branly, 2012, Aluminiumguss, 5,1 x 16,5 x 8,8 cm

D’après ma mémoire, Théâtre ZA Tokyo, 2012, Wachs, 6,5 x 9,1 x 7,4 cm

Die Materialwahl in der beschriebenen Serie D’après ma mémoire erfolgt «metonymisch» – insofern als dass der Künstler nach materiellen Entsprechungen zu seinen Gedächtnisbildern sucht. Demgegenüber interessiert ihn in der Serie der Yugen Stonewares vielmehr eine Verfremdung durch das Material, das den Objekten, die der Künstler sich aneignet, einen vollständig neuen Charakter verleiht: Die Keramiken wirken aufgrund der brüchigen Oberflächenstruktur wie Fundstücke einer archäologischen Ausgrabung, sind tatsächlich aber nach Abgüssen von Essensverpackungen aus Plastik gefertigt. Ausgerechnet die Verpackung von Fast-Food als Inbegriff unserer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft erhält so eine vermeintlich historische Patina. Offhause entdeckt in den Umhüllungen, die wir nur als Ballast, den es rasch zu entsorgen gilt, kaum aber als designte Objekte wahrnehmen, eine beeindruckende Raffinesse: Sie sollen ihren Inhalt schützen, resistent sein und dazu möglichst wenig Material verbrauchen. Diese Anforderungen bringen spezifische Strukturen hervor, die zwar keinem dekorativen, sondern funktionalen Zweck entsprechen. Indem er die leichten und oft transparenten Plastikverpackungen in Keramik abformt, verleiht er den Behältnissen eine neue massive Materialität und betont ihr architektonisches Potenzial. Die Behältnisse fungieren sowohl als museale Skulpturen als auch als benutzbare Tafelkunst.

Yugen Stonewares, type No. 1, 2016–2017, Keramik, Email, 8 x 13,5 x 13,5 cm

Yugen Stonewares, type No. 2, 2016–2017, Keramik, Email, 7,5 x 16,2 x 16,2 cm

Diese Ambiguität in der Zuordnung seiner Werke ist für Offhause bezeichnend. Für eine Trennung von Kunst und Design sieht der Künstler, der in Paris und Genf bildende Kunst wie auch Keramik studiert hat, keinen Grund, wobei sein Ausgangspunkt immer ein künstlerischer ist. Der Status seiner Arbeiten werde massgeblich durch den Kontext, in dem sie gezeigt werden, geprägt. Vergangenes Jahr stellte er an den Swiss Design Awards aus, nun zeigt er ein neues Projekt an den diesjährigen Swiss Art Awards.

Hier knüpft nun Offhause wieder an die Thematik der materiellen und kontextuellen Aufladung von Objekten und sich verändernde Zuschreibungen an. In der Rolle des Künstlers schafft er mit einem Museumsbau – zu klein, um als Architektur zu gelten und zu gross, um als Modell wahrgenommen zu werden – ein für sich stehendes Kunstwerk. Zugleich wird er auch zum Museumsdirektor, der in Zukunft die Programmation und Sammlung des mehrstöckigen White Cubes mit durchgehenden Fensterfronten verantworten wird. Damit schreibt er sich in eine Reihe von transportablen Ausstellungen ein, die mit Marcel Duchamps La Boîte-en-valise ihren Anfang genommen hat. In der ersten Edition seiner in einem Koffer präsentierten Ausstellung platzierte Duchamp mit einem Flaschentrockner, einer Garderobenaufhängung sowie einem Urinoir unter anderem kleinformatige Nachbildungen seiner frühen Readymades. Rein durch die Auswahl des Künstlers, bestimmte vorgefundene industriell gefertigte Objekte in einem Ausstellungsraum zu zeigen, waren diese als «Readymade» zum Kunstobjekt geworden. Im Rahmen der Miniaturausstellung wurde dieser Transfer noch einmal reflektiert.

Verschiebungsprozesse, durch die ein Gegenstand zur Kunst wird, interessieren Offhause auch in seinen Drifting objects. Es handelt sich um eine Sammlung missratener Plastiken von ihm selbst sowie von anderen Künstlerinnen und Künstlern, die er aus dem Abfall rettet. Die Imperfektionen dieser Objekte versteht er wie bereits die deformierten Erinnerungen keineswegs als fehlerhaft, sondern als schöpferisch produktiv. Da die ungewollt entstandenen Formen kein weiteres Mal exakt gleich reproduzierbar sind, tragen diese Objekte für Offhause eine animistische Aura in sich, so als wären sie nicht von Menschenhand geformt, sondern würden selbst die eigene Gestalt bestimmen. So würdigt er sie nicht nur in einem Katalog, wie er üblicherweise als Kunstwerken geschaffenen Objekten vorbehalten ist, sondern präsentiert einige davon in für sie konzipierten Rahmungen aus Holz oder Plexiglas, die auch an Miniaturmuseen oder an säkularisierte Tempel erinnern.

Temple or reliquary for spirit of drifting object 4, 2015, Plexiglas, Keramik, 27 x 31 x 20 cm

Das verhältnismässig kleine Format von 180 x 132 x 92 cm des an den Swiss Art Awards inaugurierten Offhause Museum geht auch aus einer praktischen Not hervor: Die Tatsache, dass er sein Atelier in Genf nach Stipendienablauf verlassen musste, stellte ihn vor eine räumliche Unsicherheit. Hinzu kommen finanzielle und administrative Komplikationen, die mit grossformatigen Kunstwerken einhergehen, insbesondere bei ihrer Aufbewahrung und bei Auslandtransporten. Zudem knüpft der Künstler aber konzeptuell an seine bisherigen Verfahrensweisen zur Deformation durch Material, Kontext und Grössenverhältnisse an.

Offhause Museum (en cours de construction), 2019, Holz, Plexiglas, Polystyren, Papier, LED, Metall, Elektrokabel, 180 x 132 x 92 cm

Im neuen Offhause Museum, dessen Bespielen ein Puppenhaus evoziert, findet ein wechselseitiger Aneignungsprozess statt: Offhause übernimmt vorübergehend die Arbeiten eingeladener Künstlerinnen und Künstler, während diese mit neu für den Ausstellungsraum konzipierten oder auch mit bereits existierenden Werken den von ihm geschaffenen Raum beziehen. Sein Vorgehen, die Kunstobjekte anderer in einen neuen musealen Kontext zu verschieben, bezeichnet er mit Bezugnahme auf Duchamp als «Post-Readymade». Anstelle von Alltagsobjekten, die eine Verschiebung in einen Kunstraum erfahren, werden hier bereits als solche definierten Kunstwerke als Bestandteil eines anderen Kunstwerkes und durch die Kuratierung in dessen kleineren Grössenverhältnissen rekontextualisiert.

Darüber hinaus stellt Offhause die angeblich notwendige Grösse eines Kunstwerkes infrage. Sein Museum wartet nicht etwa auf Verwirklichung in einem grösseren Massstab, sondern ist bereits vollständig umgesetzt. Dabei interessiert ihn, wie aufstrebende Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit nutzen werden, ein ganzes Museum bespielen zu dürfen, was ihnen ansonsten, wenn überhaupt, erst zu einem späteren Karrierezeitpunkt offenstehen wird.

Offhause Museum (en cours de construction), espace et d’entrée et d’exposition, rez-de-chaussée, 2019

Offhause Museum (en cours de construction), espace d’exposition, deuxième étage, 2019

Zusätzlich zu diesem Schweizer Museumsbau, dessen Fassade der Eingangsetage Käselöcher mit einer japanischen Holzstruktur kombiniert, arbeitet Offhause an einer Partnerinstitution in Tokyo. Wie auch im Titel des Offhause Museum mit vorangesetztem Familiennamen spielt der Künstler humorvoll auf das Imperium der Guggenheim Museen mit zahlreichen Standorten an. In Anlehnung daran besteht sein Ziel darin, ein System mit wandernden Wechselausstellungen aufzubauen. Daraus möchte er jeweils ein Kunstwerk akquirieren, um in einigen Jahren dann ebenfalls thematische Ausstellungen basierend auf der eigenen Sammlung ausrichten zu können. Ein wesentlicher Bestandteil der vergleichsweise verschwindend kleinen Einrichtung des Offhause Museum wird dessen Präsenz in den sozialen Medien sein. Spätestens im virtuellen Kontext dürften die Installationsansichten monumental erscheinen – und sich womöglich in das eine oder andere Gedächtnis wie in einer begehbaren Institution einschreiben.

Veröffentlicht im Rahmen des Seminars «Theorie und Praxis der Kunstkritik», eine Zusammenarbeit zwischen dem Departement für Kunstgeschichte und Archäologie der Universität Fribourg und dem Bundesamt für Kultur.